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Donnerstag, 23.06.2022

Interview mit Rechtsanwältin Dr. Heidemarie Paulitsch

Heute dürfen wir Rechtsanwältin Dr. Heidemarie Paulitsch begrüßen. Sie ist Gründungspartnerin der auf „White Collar Crime & Compliance“ spezialisierten Kanzlei „Paultisch Law“. Weiters ist sie gefragte Vortragende, Autorin und in diversen Anwaltsrankings unter den besten Anwälten Österreichs gereiht.

Im Rahmen unserer Interviewreihe „Karriereinsights“ bitten wir Persönlichkeiten der Juristenszene – von Berufseinsteigern bis Branchengrößen – um Einblicke in den eigenen Werdegang und den einen oder anderen Karrieretipp.


Was waren Ihre Beweggründe für das Jusstudium?

Ich habe ein hohes Gerechtigkeitsempfinden und die Themen im Jusstudium haben mich am meisten interessiert. Ich habe als Maturantin viele Studien verglichen, wobei ich zu diesem Zeitpunkt keine genaue Vorstellung hatte, welchen Beruf ich einschlagen werde. Das Jusstudium und dessen Inhalte haben mich am meisten interessiert und dieses Interesse hat mich auch nie verlassen, auch wenn es manchmal sehr hart war, speziell wenn man eine Prüfung nicht bestanden hat und Monate verloren hat (in der alten Studienordnung gab es nur große Diplomprüfungen).

Ihre Karriere begann in der Rechtsabteilung eines internationalen Konzerns. Welche Vorteile hat dieser kombinierte Werdegang gegenüber der ausschließlichen Tätigkeit in einer Kanzlei?

Es hat enorme Vorteile, da man das Recht gleich in der Praxis anwendet, man lernt unternehmerisches Denken und lernt ein Unternehmen kennen, vor allem in einem internationalen Konzern, da man hier sowohl mit kleinen Gesellschaften als auch mit großen Aktiengesellschaften zu tun hat.

So lernt man welchen Anforderungen ein Rechtsanwalt gerecht werden muss, sodass ein Mitarbeiter in der Rechtsabteilung entlastet wird. Anders gesagt, welche Dienstleistung zu erbringen ist, sodass ein Mehrwert für den Konzern besteht. Dadurch konnte ich gleich in die Praxis eintauchen und nicht nur punktuell an einer Causa als Rechtsanwaltsanwärter mitzuarbeiten. Das hat mir das Recht von einer ganz anderen Seite gelehrt und ich konnte zu Beginn meiner Rechtsanwaltsanwärterzeit gleich darauf aufbauen.

Anders herum hatte ich aber auch als quasi Studienabgängerin das Gefühl noch etwas lernen zu müssen und eine Ausbildung machen zu wollen, um weiter zu kommen. Der Lerneffekt in Rechtabteilungen ist sehr von Kollegen und Vorgesetzten abhängig.

Wollten Sie schon immer Anwältin werden und eine eigene Kanzlei gründen?

Nach einem Jahr im internationalen Konzern wollte ich unbedingt die Ausbildung als Rechtsanwaltsanwärterin beginnen. Damals bestand noch keine Möglichkeit der Anrechnung meiner Zeit in der Rechtsabteilung, daher war mein Wunsch möglichst rasch die Ausbildung als Rechtsanwaltsanwärterin zu beginnen. Rechtsanwältin werden wollte ich relativ rasch nach Beginn der Rechtsanwaltsanwärterzeit. Eine eigene Kanzlei wollte ich nicht sofort, aber es hat sich dann herauskristallisiert, insbesondere da ich sehr unternehmerisch denke und mein eigener Chef sein wollte.

Wie hat sich Ihre klare Positionierung und die Spezialisierung auf das Straf- und Wirtschaftsstrafrecht ergeben?

Ich habe während meiner Rechtsanwaltsanwärterzeit ein Doktorat begonnen, da ich das Gefühl hatte, dass es leichter ist sich damit (zumindest in Österreich) zu vermarkten. Ich habe dann ein Angebot von Prof. Soyer bekommen bei ihm zu dissertieren. Zu der Zeit trat das Verbandsverantwortlichkeitsgesetz in Kraft (das Thema meiner Dissertation) und dadurch bin ich in das Wirtschaftsstrafrecht eingetaucht. Bei Professor Soyer habe ich auch meine Rechtsanwaltsanwärterzeit fortgesetzt und dort (beim Strafverteidiger) habe ich meine Leidenschaft für Strafrecht und Wirtschaftsstrafrecht entdeckt.

Welche Erkenntnisse haben Sie persönlich und fachlich durch die teils sehr medienwirksamen Causen gewonnen?

Auf jeden Fall hat man den Ehrgeiz das Mandat so gut wie möglich zu betreuen und das Meiste für den Mandanten heraus zu holen. Der Druck steigt, wenn es eine medienwirksame Causa ist, denn der Mandant ist durch Medienartikel exponiert, was für diesen nicht immer angenehm ist.

Es braucht sehr große Erfahrung und vor allem Feingefühl im Umgang mit den Medien und bei Gerichtsverfahren, aber auch bei der Erörterung mit dem Mandanten. Man sollte gewisse Schritte und Ergebnisse prognostizieren können, um die entsprechende Strategie mit dem Mandanten zu erarbeiten.

Was war Ihr prägendstes Berufserlebnis?

Das waren sicher Hausdurchsuchungen bei Mandanten durch die Staatsanwaltschaften. Denn Hausdurchsuchungen sind eine sehr herausfordernde Situation für alle Beteiligten, da hier besonders oft  Interessenskonflikte bestehen, die man zu lösen hat beziehungsweise als Rechtsanwalt managen muss.

Welche Eigenschaften braucht man, um als Strafverteidigerin erfolgreich zu sein?

Es ist sehr wichtig sich mit dem Gerichtsakt im Detail auseinanderzusetzen und darf nicht darauf hoffen, dass die Kommunikation mit dem Staatsanwalt oder Richter allein das bestmögliche Ergebnis erzielt. Sondern es ist enorm wichtig sich mit dem Sachverhalt, egal wie komplex und umfangreich er auch sein mag – besonders in Wirtschaftsstrafverfahren – auseinanderzusetzen.

Rechtlich erwartet der Mandant natürlich, dass man sich überall auskennt und ein entsprechendes fundiertes Wissen hat.

Sehr wesentlich ist aber auch die Erfahrung als Strafverteidiger, gewisse Ergebnisse / Entscheidungen des Gerichts prognostizieren zu können, um eine Verteidigerstrategie zu entwickeln.  Hier benötigt man ein Fingerspitzengefühl und man muss sich mit entsprechender Sensibilität mit dem Gericht und der Person des Richters auseinandersetzen.

Welche drei Karrieretipps haben Sie für Berufsanwärter:innen?

Man soll auf keinen Fall einen Beruf einschlagen, der einem keinen Spaß macht, denn die Ausbildungszeit als Rechtsanwaltsanwärter ist langwierig und zeitaufwendig. Wenn einem der Job nicht gefällt sollte man möglichst bald überlegen diesen zu wechseln und auch mutig genug sein für diese Entscheidung.  Ein Job-Wechsel ist nicht schlecht, sondern wird dieser bei Bewerbungen anerkannt.

Man sollte einen Job wählen, der einen interessiert und Spaß macht und für welchen man eine Leidenschaft entdecken kann.

Was ärgert Sie am aktuellen Rechtssystem?

Aus ökonomischer Sicht sollten Verteidigerkosten im Ermittlungsverfahren fair abgegolten werden, wenn nach jahrelangen intensiven Ermittlungen das Verfahren eingestellt wird. Dann bleibt der Verdächtigte bzw Beschuldigte auf seinen Kosten sitzen und es gebührt ihm kein Verteidigerkostenersatz. Auch im Haupt- & Rechtsmittelverfahren gibt es nur einen sehr geringen Prozesskostenersatz, der einem zugesprochen werden kann, wenn man freigesprochen wird.  Das ist manchmal sogar existenzbedrohend für Mandanten und zeigt auch nicht die Wertschätzung des Staates gegenüber den Verteidigerleistungen. Ein marktüblicher Stundensatz eines Rechtsanwalts und die Honorierung nach dem Rechtsanwaltstarifgesetz bzw den Autonomen Honorarkriterien klaffen sehr weit auseinander. Daran knüpft auch die Problematik, dass D&O- und Rechtsschutzversicherungen sich meistens am Rechtsanwaltstarif orientieren und keinen Stundensatz bezahlen. Der Versicherte geht davon aus, dass seine Rechtsberatungs- und Vertretungskosten zur Gänze von der Versicherung gedeckt werden.

Steckbrief: Persönliche Fragen an Dr. Heidemarie Paulitsch

Wo und wie tanken Sie Energie?
Beim Sport – Laufen & Yoga.

Welches Buch können Sie empfehlen?
Becoming von Michelle Obama

Welche App ist für Sie unverzichtbar?
E-Mail App & WhatsApp

Haben Sie ein Lebensmotto?
Nicht Aufgeben! & Streben nach Glück!

Was bedeutet Erfolg für Sie?
Persönliches Glück zu erreichen, glücklich zu sein und Zufriedenheit.

Angenommen es gibt keine Juristen mehr. Welchen Beruf – weit ab von einer juristischen Tätigkeit – hätten Sie dann?
Unternehmerin.

Welche Anwaltsserie schauen Sie am liebsten?
Aktuell schaue ich keine, aber vor vielen Jahren waren es Goliath und Good Wife.

Was ist Ihre größte Stärke?
Menschliches Feingefühl & Durchhaltevermögen

Entscheiden Sie bei wichtigen Dingen vom Kopf oder Bauch heraus?
Vom Kopf, spontan natürlich vom Bauch, aber in der Regel überlege ich mir Dinge länger und dann ist es natürlich eher eine Kopfentscheidung, wobei mein Bauch auch damit zurechtkommen muss.